ein bild

Manitoba


Dein Nachbar hat seine Schindeln
weggelegt neben die ausgedienten
Nägel und die Kinder

nebenan das Lachen, das du
an schlechten Tagen verdächtigst.
Um diese Zeit lacht niemand über

die Zäune. Die Dunkelheit der Häuser
streicht die Zeile, die Trampelpfade und
das Gebell und was immer zu hören ist: dies

ist der Platz, beleuchtet von nur diesem Tag.
Dort rücken wir die Stühle aus den Hageln
des Nussbaums, die hirnschönen Kerne liegen

weiß und bitter bloß zu früh.
Wie Angehörige einer alten Religion
beugen wir uns der Augenzahl der

Blätter, schütteln unsere Deutungen ab
und noch einmal beschreibst du mir das
Wild mit der falschen Frage.

01.02.2004 22:59:36 


Auf Bali gibt es weder rechts noch links, lese ich heute, auch in der australischen Western Desert nicht, und nicht in Papua-Neuguinea. Winde wiesen dort die Richtung, man orientiere sich nach Sonnenauf- und untergang oder nach geographischen Achsen, Flüssen oder Schluchten, deren Funktion in den Städten von der jeweiligen Hauptstraße erfüllt wird. Die Sprache versetzt das Individuum in Bewegung rund um ein fixes Orientierungszentrum, das oft zugleich den spirituellen Mittelpunkt darstellt.
Ich versuche auszudenken, wie ich nach diesem Modell meinen gegenwärtigen Standort beschreiben könnte, ohne das verwurzelt gedachte Ego, das um sich permanent Berge versetzt. Meine Sonnenuntergangshand wäre die Rechte, wenn ich einen Raum beträte, und die Linke, wenn ich ihn verließe, und die Mühe, meinen seiner angenommenen Gravitation nun ledigen Körper so ständig ins Einvernehmen mit meiner Umgebung umzudenken, ließe mich vermutlich rasch zu einer Vorstellung Zuflucht suchen, die mein abendländisch egozentrisches Orientierungsmodell weniger größenwahnsinnig erscheinen lässt. Denn um einem Besucher den Weg zu dieser Straße hier zu beschreiben, hieße es "von dir aus gesehen links" und "zu deiner Rechten liegt der Kaliberg -". Das "Du", dessen Ankunft erwartet wird, ist die Nabe, um die eine Landschaft sich dreht.

06.02.2004 14:01:01 

dergoldenefisch gegenüber


In the Zoo after Dark

No full moon or forest fire.
Unnatural light
takes shape and stays there.
Shadows adjust
to what could be night.

Animals intended
to live an ocean apart
have got an idea of each other.
All day
the lion has watched
a dolphin curve into vision
with the promise of its element,
the taste of salt.

There is containment
and release:
the instinct of the death-watch beetle
to beat its head against the wall
in love song,

or the stillness of the golden eagle,
wings folded, waiting
for the sky to break.

Lavinia Greenlaw

10.02.2004 18:30:39 

Leine, sonntags


Alle möglichen Taue gekappt
vom Nebel dümpeln die Fassaden
den Durchfahrern entgegen.

Die Verhältnisse der Brücke
auf dem Kopf, eine Parallele
zu queren jenseits vom endlosen

Gefolge der Ampelphasen, der Aufforderungen
zu gehen. Wen hält das auf:

Den Mann mit Schirm. Den Steinadler
der seit Jahrzehnten einen Flügelschlag vertut.
Die Frau mit Hund.

Drüben an die Fenster schlägt eine erste Welle
Geläut, hoch wie der Bug eines Boots
dessen Leine verfehlt.

15.02.2004 18:39:02 


Gestern stieß ich in einem schmalen Bändchen, das unter dem Titel "Après Aprèslude" viel Peinliches enthält, auf ein Gedicht von Astrid Claes, einer der jungen Frauen, die Gottfried Benn verehrten, und die er seinerseits ihrer Schönheit wegen, nun ja: zu erdulden hatte. Astrid Claes also, in jungen Jahren selbst Dichterin, von Benn weder so rückhaltlos begehrt wie jene Kellnerin, die ihn schließlich mit einem Käsehändler betrog, noch ernstlich von ihm gefördert, Astrid Claes verfasste ein kleines Nachrufgedicht auf den alten Mann, so schlicht und so bei sich, dass mir beim Lesen zumute wurde wie lange nicht.
Auf eine durch Technik nicht begründbare, geschweige denn zu rechtfertigende Weise wird etwas destilliert, für das mir kein poetisch kühles Wort einfällt, aber das ist nicht einmal die Hauptsache daran. "Ein alter Mann zieht singend durch die Nacht. / Singt von Septembern, Rosen, blauen Fernen, singt von Levkoien, späten Meeren, Sternen -: (...) Er singt. Es sind schon seine letzten Stunden. / Er singt. Er hat noch stets ein Lied gefunden. / Und keiner sieht, wie er im Dunkeln lacht." Die sonderbare Hauptsache gestern war, dass ich das plötzlich hörte, und in dem und für den Moment war alles vergeben, was man diesem in die Wüste geschickten und zigmal re-inthronisierten Hausgott vergeben kann, alles Phrasengefuchtel, alles Maulgetrommel, das Lachen im Dunkeln wischte das fort für diesen Moment, ich hätte Frau Astrid Claes die Hände geküsst, hätte sie da in meiner Küche gesessen.

18.02.2004 14:06:13 


Während im Gedicht die Verordnung bereits stattgefunden hat, das (wo es gut geht, ins Unwillkürliche kalkulierte) Fehlen, bei dem es allem auf alles ankommt, der Umtausch: wenn man Glück hat, kriegt man was raus.

07.03.2004 14:50:48 

Natrium


nachtfahrt ab
fackeln der stationen weiß nichts weiß bloßrisse rückkehrlose
lichter.

warm glänzt
am makadam die iris des tiers das aufbricht
seeisch

im streufeld:
der glaskörper aufwärts gerollt aus der bindung entstellt
uns

die umgebung
des auges unverwandt. aber das sickern. aber unsere
gruben.

12.03.2004 19:51:52 

Nontonal oder: Darf ich hier einfragen?


Dein Text, liebe Sünje, ist ein Katapult (ich lasse meine Cowboys, die im Folgenden eh auf Abwege geraten, mit Erbsen schießen). Jedenfalls katapultierte mich der Trek nach Texas flugs in die Erinnerung an eine Passage aus den Tagebüchern Max Frischs, wo es heißt, für jeden gäbe es ein Wort, das ihn töte. (Oder doch Gantenbein?) Kommunikation - oder, wunderbar, Kommuniaktion - hatte offenbar schon früher etwas Lebensbedrohliches, unter Umständen. Nicht zufällig sind die Legenden voll davon, besonders die christlichen, heutzutage in Amerika ja wieder öfter nachgefragt, mit ihrem Glauben an die Faktizität des Wortes (welche freilich die Erlösungsmacht des "Kommunizierens" mit einschließt).
Schon Thomas von Aquin unterschied in seinen Thesen über die nichtintonierten Ebenen begrifflicher Kommunikation, seinen Quaestiones disputate de verbo, sauber zwischen gesprochenem und "innerem" Wort - und verglich den Vorgang der Intonierung zudem mit dem Prozess der Hervorbringung eines Kunstwerks. Im Sprechenden (Kommunizierenden, bzw. Kommuniaktiven) finde sich dreierlei Wort: ein erstes Konzept, das sich völlig lautlos ("sine voce") in dem hervorbildet, was Thomas die "Seele" nennt, dann das innere Wort, in dem bereits ein Vorausbild von Stimme und Formulierung ist (er verwendet dafür den Begriff des Imaginierens) und schließlich, und dann erst, das Laut werdende Wort. Auch wenn seine Überlegungen in erster Linie theologischer Natur waren, fand ich sie, als ich darauf stieß (vor Jahren in einem Artikel in Sinn und Form), erstaunlich nah an dem, was heutzutage zum Thema Bewusstsein und Sprache diskutiert wird, umso bemerkenswerter auch, als Thomas von Aquin sich seinerseits auf frühere Vordenker wie Augustinus bezieht (bis hin zu Äußerungen, die vorwegzunehmen scheinen, wonach z.B. Eco in seiner Suche nach der vollkommenen Sprache in Sachen "Urgrammatik" fragt: "Wir denken alles, was wir sagen, in jenem inneren Wort, das zu keines Volkes Sprache gehört".)
Worauf ich hinausfrage, ist einfach: ist der Hypertext nicht lediglich eine "Hervorbringung" im menschlichen Bewusstsein schon immer angelegter und praktizierter Prozesse ins Anseh- und Anklickbare? Muss ich als Textbenutzer heutzutage der nicht-tonalen Begriffsebenen und ihrer Deutungsaspekte tatsächlich in signifikant höherem Maße oder in substantiell anderer Weise innewerden als ein Leser vor 100 Jahren? Gewiss, da ist das Moment der Leser-Mitsprache im Cyberspace des Textes selbst. Aber inwieweit wird von solcher Mitsprache - oder Widerrede - das Gedachte, ja das Denken selbst, manipuliert? Ist das überhaupt möglich? Oder umgekehrt: bedarf es zur Manipulation - oder Einflussnahme von außen, respektive zur Beinflussbarkeit des Machers - eines Mediums, das Interaktionen, die ähnlich nicht-tonal z.B. einen Briefwechsel bestimmen, auf eine andere technische Basis stellt? Wird da nicht doch wieder eher am "verbum vocis", am zwar nicht gesprochenen, aber geschriebenen, also ausgedrückten Wort manipuliert als am nicht-tonalen "inneren"? Ich weiß es nicht. Ich wüßte es gern. Und was dann? Würde ich mich einem solchen manipulativen Medium oder einem, das der Manipulation meines Denkens Tür und Tor öffnet, aussetzen? Wäre ich so souverän? Oder würde ich mich dem, wenn ich könnte, entziehen, weil ich meine Grenzen kenne? Weil ich, wenn auch nichts vom Medium, so doch etwas über meine Beeinflussbarkeit weiß? Weil ich, ganz hybrider Macher, mir jede Manipulation an meinem Text, meinem verbum vocis, verbäte, auch wenn ich natürlich keinerlei Einfluss auf die Gedanken über und die Erinnerung an ihn, also: keinen Anteil an seinen Manifestationen in anderen Köpfen habe (so es denn solche gäbe)? Ich fürchte, ich bin so eine.

15.03.2004 13:00:51 

Quod erat demonstrandum.


Ach ja, stiller. Ich mach´s von Ironie frei, frei nach Schopenhauer: es endigt ernst nur der Humor. Oder - wenn schon humor vorkommt - medizinisch, terminiert: Das Flüssige im Textkörper, das austritt am Punkt - Schluss jetzt. Oder verbissen, in die Zensur natürlich: Mit der Stille kann es ernst meinen, wer zum Lachen nie in den Keller gehen musste. Dementsprechend laut geht es in Flüsterkneipen zu.
Das Subversive gibt sich leise, wo es muss, also außerhalb seines Territoriums, wo die Pläne knistern, wo sie gar erst geschmiedet werden, klingt es, nein, nicht unbedingt - darf es anders. Naturgemäße Lautlosigkeit des Geschriebenen? Hier, beim Fragezeichen, schwebt das Wort gegen Ende (oder, besonders vernehmlich, auf der betonten Silbe) einen Halbton höher, das ist mitgedacht im "inneren Wort" und echot in die Nachartikulation des Lesens hinein. Streiche hiermit die letzten beiden Sätze, obwohl: was sollen mir Archive?
(Nachtrag: streiche heute, zwei Tage später, diesen Text, das Geschriebene bleibt nur, damit man die Streichung sehen kann.)

18.03.2004 18:42:19 

immer noch ungestillt, aber anders:


denn es gibt noch mal Schnee. Es gibt das Aufhören zwischen den Zügen hier, einen halben Kilometer vom Tisch entfernt. Es gibt Stille Tage in Clichy, Stiller und weitere stille, unversöhnte Nachbarschaften in den Regalen, es gibt versöhnliche, unarchivierbare Gespräche, während am Bahndamm ein Hund bellt, den man sonst nicht hören könnte.

18.03.2004 19:42:12 

Zustände wählen, die das Bezeichnen vermeiden


das Draufzeigen und Vergleichen (Carol Ann Duffy als Mrs Darwin: "Something about that chimpanzee over there reminds me of you").
Lesen, worüber die Gelehrten streiten ("Erst als der Beißapparat bestimmter Affenarten durch eine Erbkrankheit degenerierte, entwickelten sich die für den kognitiven Prozess wichtigen Hirnareale").
Bei bestem Wetter drinnen bleiben, mit dem "l" von Klausel spielen, und Füße aufs Sofa, Messer zücken, Äpfelchen in mundfertige Stücke schneiden, einmal mit der Zunge schnalzen, April April.

01.04.2004 16:36:24 


Die dichterische Position angesichts gesellschaftlicher Umwälzungen - die nicht zu bestimmen, sondern mir überhaupt klar zu werden, wie eine solche beschaffen sein, wodurch sie sich auszeichnen könnte, erscheint mir äußerst schwierig, sowohl vor entstehungs- und rezeptionsgeschichtlichen Hintergründen einzelner Texte wie auch im Sinne von Selbstbefragung. Sieht man von Äußerungen in Briefen oder Tagebüchern ab, drängt sich wohl zunächst der Eindruck der Verzögerung auf. Ich kenne die Entstehungsgeschichte von Easter, 1916 nicht, doch wurde der September 1916 als Arbeitszeitraum angegeben, was wiederum nicht für einen eruptiven, sondern sukzessiven Umgang mit dem sprachlichen Instrumentarium spricht. Im täglichen Theaterstück / Mitspielen will er weiter nicht - ich beziehe das jetzt auf den Dichter - eher arbeitet er sich an dem Stein ab, um den sich die Wirbel nie einen, während Ross und Reiter Anamnese und Bestandsaufnahme davongaloppieren (womit ich nun doch anlange beim Versuch, so etwas wie meine Position auszumachen).

Dabei sind die Widerstände, die sich aus der Langsamkeit des Mediums gegenüber gesellschaftlichen Umwälzungen ergeben, noch die geringsten, niemand verlangt heute der Dichtung ernsthaft tagaktuelle Kommentare ab. Trotzdem haben Journalismus und Dichtung etwas gemeinsam, den Zweifel, und warum nicht die Schraube noch etwas fester anziehen: die Überzeugung des Zweifels. Also die Exposition der Frage. Also die Notwendigkeit der Recherche, der Suchbewegung, die weniger linear verläuft denn als ein Um- und Einkreisen der Gegenstände. Also ein Glauben an das mögliche Vorhandensein von Alternativen, auch alternativer Realitäten, was sich eben nicht zuletzt in der Frage ausdrückt: Wie war oder ist es wirklich? Ein Standort, der als "anderer" wahrgenommen wird, als nebengeordneter, als der eines Beobachters. Dessen Report gleichwohl Wirkungen zeitigen kann, erhöhte Aufmerksamkeit, Sensibilität für gesellschaftliche Prozesse etwa?
Nach der Einschätzung der Wirkung seiner Arbeit befragt, antwortet mancher Journalist so zweifelnd, als sei seine Position ähnlich "ungesichert" wie die dichterische und ebenso machtlos, was die Bedeutung seiner Arbeit allerdings nicht mindert. Weil er informiert, man etwas von ihm wissen will? Weil Information ein Vehikel der Annäherung an Tatsachen ist, weil Tatsachen den Zugang zu Wahrheit, spätestens seit Aristoteles ein Wert an sich, öffneten und die Informationen darüber selbst zum Wert würden? Irgendwo zweigt hier der Weg zur dichterischen von der sichterischen Position ab. Dass irgendwer was vom Verfasser von Gedichten wissen will, ist das nicht unerheblich, schon mangels Rezipientenmasse? Der Verfasser von Gedichten - dass ich jetzt die Bezeichnung "Dichter" vermeide, ist mir nicht so peinlich wie das Wort selbst. Der Verfasser von Gedichten: "Was ist Wahrheit" fragen und sich dabei die Hände in Unschuld waschen, darauf, so scheint´s mir oft, könnte sein Beharren auf der "Unsicherheit" seiner Position hinauslaufen. Und nochmals aber: wie könnten Gedichte aussehen, deren Verfasser sich gegenüber einem Frager von außen in der Pflicht sähen? Vordergründig? Effekthascherisch? Propagandistisch gar? Oder könnte diese angenommene Verpflichtung (sei sie noch so hypothetisch, noch so "eingebildet") nicht auch Genauigkeit abnötigen, Sorgfalt bei Aufnahme und Widergabe des Materials sozusagen (keine unlauteren Schnitte, z.B., etcpp)?
Ich glaube das nicht, das ist der Haken, und noch dazu glaube ich es aus keinem besonders guten Grund nicht. Ich zweifle an einer Position, die ich selbst gar nicht einnehmen kann. Ich werde angesichts gesellschaftlicher Umwälzungen, gesellschaftlicher Prozesse überhaupt, von deren Hin und Her, Für und Wider, ihrem Sowohl-als-auch, ihren Wirbeln umspült und überholt, lediglich das Phänomen dieses Wirbelns, seine Widersprüchlichkeit und Unauflösbarkeit im Einzelnen bieten einen Anhalt, eine Säule, an dem sich manchmal ein Text ausrichten kann, und auch das unabsichtlich. Subjektivismus also. Selbstgespräche. Aber aber. Man will sich die glauben können, oder wenigstens den müden Zug um den Mund, den kann man gestehen, der sieht derart all-gemein aus, das ist wenigstens etwas, so banal wie entscheidend im großen ganzen Wirbel und durch zig Quellen gesichert. Die dichterische Position angesichts gesellschaftlicher Umwälzungen: keine irgendwie herausgegehobene, nicht einmal eine verbrieft unsichere, sondern eine, die dauernd komfortabel zu werden droht, das ist - vielleicht - ihr einziges Risiko, wenigstens genau hier, von mir aus gesehen und heute.

16.04.2004 12:49:07 


Aber das im Ohr:
sagt nicht nein, nur: Ist das so?
Durch das im Ohr rauschen die Wirbel weg, nach wie vor vor
und zurück, immerhin zu keinem Schluss.
Das will was hören am andern Ende, was vom Tag, eine Meldung von heute
auf morgen haltbar, etwas, das gleich gilt und nur dann und wann
wenn nicht jetzt. Na schön, es kann auch eine Scherzfrage sein, eine Leerstelle
in einem Kreuzwort. Das im Ohr schweigt
von den besseren, den gegnerischen Beispielen, es nennt keine Namen
die helfen am andern Ende auch nicht weiter, nicht wirklich.

kein Gedicht, aber davon für jeden Tag eins

16.04.2004 18:39:02 

Senso unico


Im Vorhof Karossen. Männer verkünden Rauch. Drakonisches
Zäunen wider Phalangen aus Namenlosigkeit und Geläuf. Statuetten
entsteigen den Mauern um fünf, den Fackelarm gestreckt
zum Münzwurf, die Wandlung der Brunnen
zu feiern, Wasser zu Stein, während der Pinien
öldunkles Triebwerk auf Schatten schaltet.

Der Tag ist ein Blitz, was das Sehen wert wäre
ein Okular ins Auge des Betrachters
durch einen eingefleischten Kniff
zu lösen, den Ausblick auf ein Geschäft zum Beispiel
hin, wo man das Schlangenhaupt als Oktopus verkauft
oder als Narrenkappe, das Schellen im Schädelfach: Noch da?

26.04.2004 18:20:18 

Testfall (vormals "Ausfahrt")


Die Faust im Griff bereit wie ein Stein
in der Schleudermulde, eine Kralle aus Luft
entert die Pumpe: diese Angst wird geübt

für das erste Mal. Stehen im Pulk. Glieder
Puppenlieder klappern: auf in den Hang
verklappte Verhaue, Liegenschaften, Ligaturen

aus dem Kies geknöchert, Stufen stummen
Alarms, zu Bestürzendes. Jede Kurve kippt
den verpassten Zielen ein neues hinterher.

Mithalten jetzt, die Hand auf
Zu. Finden, es ist nicht genug.

01.05.2004 18:20:47 

Begehbare Baustellen


Nichts wird auf meinen Baustellen je fertig. Im Grunde wird auch nicht viel gebaut, es handelt sich eher um Ausgrabungsgelände. Hie und da eine Strebe, ein Stützbalken, und natürlich ein stetes Sichten, Säubern, Sortieren und Flicken des Gefundenen, das kein Ende findet. Deshalb begehbar, anders geht´s nicht.

Die dritt- und viertletzten Zeilen von Ausfahrt kenne ich schon seit fast zwei Jahren. Da sie dort, sonst aber noch nirgends, hinzugehören schienen, fügte ich sie in die zweite Fassung eines Gedichts ein, die ich Pendler nannte. Doch irgendwie - tut mir leid, aber es war tatsächlich bloß ein irgendwie - störte das Stück dort mehr als es die Pendler in Fahrt brachte. Inzwischen habe ich deren Bus stillgelegt und mich von ihnen verabschiedet. Das Teil, das an allem schuld war, hob ich auf. Es sah aus, als wäre es noch mal zu gebrauchen.

für Nadja

01.05.2004 18:43:00 

Begehbare Baustellen (Achtung - Widerstreben)


Und wenn es noch nicht stimmte oder womöglich nie? Wenn es Bruch über Bruch gäbe, man sich an manchen Stellen vor Teilen, Scherben, schönen, aber völlig unverwertbaren Resten irgendeiner aus eigener Kraft nicht mehr zu re/konstruierenden Gesamtanlage nicht retten könnte, nur mal gesetzt den Fall, das geschähe (das glückliche Finden, nicht das unglückliche Irren, das geschieht andauernd)?
Dann Borges. Dann die Erinnerung an die zweite Ausgabe seines Gedichtbandes Buenos Aires mit Inbrunst, in deren Vorwort er schrieb, der Leser möge ihm nachsehen, dass er, Borges, sich den einen oder anderen Vers zuerst angemaßt habe. Dann noch einen Halbschritt weiter (und nebenbei vielleicht ein Päckchen geschnürt für Sebastian Kiefer: Sie hören noch von mir, Herr Kiefer, Sie mit Ihrer Behauptung, die Literatur, die Lyrik zumal, habe die Moderne verschlafen, weil es ja in Zeiten der bio-elektro-neuronalen Erkenntnisse weder ein Ich noch von diesem darzustellende Sinnzusammenhänge mehr geben dürfe, da doch sinnstiftender Zusammenhang überhaupt eine Simulation sei - geschenkt, ja, im Wortsinn). Noch eine Entlastung weiter also und einen Brief an die Hersteller multipler Vexierspiele geschrieben oder eine Rundmail an Freiwillige verschickt: sämtliche Bruchteile stehen ab sofort kreativen Puzzlern, Restauratoren und sonstigen Personen zur freien Verfügung, die Fundstelle gehört mir nicht, die ausgegrabenen Stücke sind Allgemeingut, Fahrlässigkeiten mit dem Material verbieten sich also schon aus diesem Grunde.

Warum dann aber nicht zurück zur Enzensbergerschen Maschine? Das kann ich nicht schlüssig beantworten, und es wäre auch viel moderner, wer wollte das leugnen. Sagen wir, der menschliche Faktor ist immer noch der schwieriger berechenbare Zufall. Außerdem macht es einfach mehr Spaß so, und solange mir nicht einmal Wolf Singer hieb- und stichfest erklären kann, wie es kommt, dass sich meine bioelektrischen Einzelteile Tag für Tag auf eine einigermaßen verbindliche, wiedererkennbare Ich-Version einigen, mag sich die ihren Spaß nicht nehmen lassen.

06.05.2004 18:38:14 

Eine Meldung und ihre Gedichte


(aus DER SPIEGEL: "(...) Eine einzigartige koschere Straße ist in Tiberias fertiggestellt worden.")


Statt Reinigung

Schrittempo. Unauffällige Eile. Achtung
vor den Zeichen. Der Asphalt sichert
Spuren schon frühjahrs am See
Genezareth. Nicht abbiegen. Nachfahren

einer Kaste, die an die Unreiheit der Toten
glaubte, erneuerte diese Straße über Gräbern
aus römischer Zeit.

Über Katamkomben geklärter
Betone und frei
von Abfall geht es sich heute, es geht
ums Gebot des Abstands.

Der Plan im eigenen Gerüst vesteckt
keine Gemeinsamkeit: die Orte nicht
die Silben säuberlich
getrennt wie Bauteile oder Müll.

Für die Distanz zwischen A und B
wähle man den Luftweg.


(Kartographierung begehbarer Baustellen)

11.05.2004 14:34:24 


Ivan Laucik ist tot. Ich wünschte, ihr hättet ihn gekannt.
Er war einer der oszameli beszi, der Einsamen Läufer, wie er und die beiden anderen ihre Gruppe vor dreißig Jahren genannt haben. Er war Langstreckenläufer, Höhlensucher und -finder, Ausgräber.
Zuletzt sah ich ihn im letzten Frühjahr, vor fast genau einem Jahr. Er führte meine Freundin Ursula Macht und mich an Stellen, von denen wir in seinen Gedichten gelesen hatten. Auf den Havranok, den Rabenberg, wo er gemeinsam mit anderen Enthusiasten eine keltische Siedlung freigelegt hatte. In eine Tatrahöhle, die er entdeckt hatte und in der er schrieb, wenn es ihm in seiner Zweizimmerwohnung zwischen Frau, zwei fast erwachsenen Söhnen, Telefon- und anderem Geklingel zu laut wurde.
Nicht viele seiner Gedichte sind bisher ins Deutsche übersetzt worden. Vor wenigen Tagen erst erschienen in Bratislava seine Gesammelten Gedichte und Essays. Am 11. Juni sollte es eine Lesung in Berlin geben. Wir wollten uns dort treffen.
Manchmal begegnet man Menschen, an die man sich erinnert, wenn man fürchtet, den Faden zu verlieren, den richtigen, den Ariadnefaden, dann denkt man an Gespräche zurück oder an eine bestimmte Geste oder einfach an die Tatsache, dass da so jemand ist, der einem unbeirrbar erscheint und mit dem man irgendwann wieder zusammen irgendwo sitzen und sprechen wird, und diese Möglichkeit ist etwas Gutes, auf das man baut.

Hinter der Biegung des Winters

Pflanzenorden nahmen mich auf.
Flüsse. (Dank für die Flüsse.)
Schnee funkelt in mein Fenster aprillang

und völlig weiß
seh ich mich schon
im Schein leichter Frühjahrssegelflieger
ohne Nachrichten
leben in jäher Neigung, nur
wo?
Als wär in den Lagern unterm Eis wer geblieben.
In schäumenden Schluchten,
und alles, was sich sagen ließe,
sind nur nachträgliche,
undurchschaubare Geschichten:
Fälteln der unteren Seide,
breite Narbe nach dem Eisschwert
in den Augen.

Der Mund gefüllt mit Tonerde
im Lawineninnern.
Und Wasser tost in den Hohlräumen.
Du, tönerne Maschine, die schwinden will,
um endlich nichts mehr zu sein.

Verlorenheit. Vertrauen.
Zwei ineinander sich schlingende Peitschen.

Ich stumm.
Steinernes Musikinstrument in einem Haufen Stein.

Nicht Gesang.
Gemenge lebender und verreckter Krabben.

Leichtigkeit,
die wir erreichten durch Schinderei.

Ivan Laucik (1944-2004)

13.05.2004 13:54:57 

Kalium


augen zu
im schlaf die lücken memorieren – „wüsstest gleich aber
hättest nicht du glichest“ - bis sie entfallen. abermaliges
aber

witziges spiel
wieder die geschicke der hände: haushalten mit wasser
und gleitzeit ihre gerechte verteilung auf abschiede. reinigungskräfte.
zählwerke.

was fehlt
sind verluste der appetit angeschlagener gefäße auf aschen
wucher mit glimmer galliger krume nochmals land pflanzen
wollen

neue parzellen
der urne fürs schwächelnde herz. das zitiert nichts
als sich. schnürt. zunge um zunge. bleibt flüchtiger
gelände.

20.05.2004 17:42:55 

   1 2 3 4 5   
counter